Zum Kunstschaffen
des Basler Malers Karl Glatt
Magden/Aargau 1912 - Basel 2003
Porträts und andere Werkgruppen
Als Karl Glatt 1964
den Wettbewerb zur Gestaltung eines monumentalen Wandbildes für das
Kollegiengebäude der Universität gewann, war er 54 Jahre alt,
hatte 10 Jahre zuvor das eidgenössische Kunststipendium erhalten und
Ausbildungen in zwei Ländern vorzuweisen. Nach beginnender Grafiklehre
den Unterricht im künstlerischen Malen und Zeichnen an der Basler Gewerbeschule
(1928/29) und das Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien
(1932-34). Als Meisterschüler von Prof. Karl Sterrer hatte er da sein
eigenes Atelier. Voraus ging, gemeinsam mit seinem Basler Kollegen Willy
Roth eine Zeit des 'Sich Durchschlagens' mit dem Verkauf eigener Zeichnungen.
Nachweislich lebte der angehende Künstler auch im 30 Kilometer südlich
von Wien gelegenen Kurort Baden (1). Besonders in Wien waren grosse Teile
der Bevölkerung von der Inflation, Arbeitslosigkeit und Hungersnot
betroffen. Auch gab es massive Angriffe gegen avantgardistische Theater-
und Kinoaufführungen (2). Im Alter von 22 Jahren musste Karl Glatt
die Stadt verlassen, weil er an Tuberkulose erkrankt war.
In der bildenden Kunst hat sich der Wiener Expressionismus kontinuierlich
aus den vorangegangenen Stilrichtungen wie dem Symbolismus entwickelt. Auch
war er stark von der Frage nach der eigenen Identität geprägt.
Ob im klaren Bildaufbau der Gesellschaftsporträts eines Anton Faistauer,
der dem Fauvismus nahe stehenden Marie-Louise von Motesieczky bis hin zum
kräftig-nervösen Strich eines Oskar Kokoschka.
Im Wiener Selbstporträt
aus den frühen 30er Jahren sehen sich Betrachtende mit dem sich
selbst prüfenden Blick des Kunststudenten im Dreiviertelprofil konfrontiert,
der Pinselführung und Farbauftrag der Meister der Moderne von Cezanne
bis van Gogh studiert hat und sich mit sinnlich geschürzten Lippen
in der Welt orientiert. Die Krempe des eleganten Hutes ist an beiden Seiten
abgeschnitten, der kräftig aufgetragene Pinselstrich trennt das Gesicht
vom Hintergrund, dessen mehrschichtig aufgetragene Farbpalette vom Strahlen
eines blauen Hemdkragens übertönt wird. Rund 20 Jahre später
stellt sich derselbe Maler mit hängenden Armen in einem Raum mit Schrank,
Bett und Stuhl dar. Selbstbildniss
. Ein Kunsthandwerker als Dreiviertelfigur in Malkittel und Käppi,
der den Raum mit leichter Hand in vielfältigem Farbauftrag und Schattierungen
zu gestalten weiss. Bescheiden steht er darin und in Überlegung zum
nächsten (Arbeits)schritt begriffen. Farbakzente in karminrot akzentuieren
Gesicht, Kragen, Handrücken und ein Stuhlbein. In verhaltenem Rot schimmert
hinter diesem eine Farbfläche auf, die dem Begründer des "Kreis
48" (gemeinsam mit den Kollegen Max Kämpf, Gustav Stettler und
Jos Hutter) die Bezeichnung 'Graumaler' gegeben hat. In ebensolchem Hochformat
(158 x 46cm) präsentiert sich Karl Glatt in fortgeschrittenem Alter,
blickt in seinen 70ern von oben aus dem Bild: Selbstbildnis
mit Halstuch . Der Mund ist leicht geöffnet, das Gesicht von
Schatten durchzogen, die Farben in vertikalen Streifen am Mantel und horizontal
aufgetragenen in leuchtend orangefarbigem Ton auf matt glänzendem Weiss.
Das Bild zeigt den Basler Künstler in seinem Atelier in der Kaserne.
Als Erster hat er 1964 einen grossen Raum in der ehemaligen Klosterkirche
Klingental erhalten. Wo einst Nonnen beteten, wird nun schwungvoll gemalt
und Architektur als Hintergrund miteinbezogen. Das Kreuzrippengewölbe
wird zum Rahmen des Bildes im Bild, der Raum darunter weiss ausgefüllt
und ein tiefes Schwarz in Balkenbreite symbolhaft neben dran gestellt. Karl
Glatt zeigt sich hier als Meister, der sich den Mantel von Max Beckmann
entliehen haben könnte und mit konzentriert gespreitzter Hand auf die
Brüstung vor sich greift, in der linken den Pinsel haltend. Ein Maler
blickt hier, im locker nachvollzogenen Habitus eines Fürsten des 16.
Jahrhunderts aus seinem Atelier.
Dieses zeigt er uns in weiteren Selbstbildnissen inmitten seiner Familie
als Modellfiguren samt einem auf einem Paravent oder Hochschrank sitzenden
Äffchen und nennt sie Im Atelier.
Er selber platziert den Kopf stets vor einem ovalen Spiegel, die Gattin
zur Rechten in derselben klassischen (anstrengenden) Haltung mit über
dem Kopf angewinkeltem rechtem Arm, einmal mit beiden nach oben gehaltenen
Armen. Den sitzenden Mann zu seiner Rechten, den Knaben zur Linken. "Einfache
Lesbarkeit", klarer Bildaufbau in wiederkehrender Anordnung, doch immer
leicht verändert (3). Bis schliesslich im, möglicherweise auf
dem zuletzt zu datierenden Bild, -auf Jahreszahlenangaben legte Glatt keinen
Wert-, seine drei Modelle bereits auf eine Leinwand gemalt sind. Blickt
der junge Maler noch keck zur Seite, so sehen wir den arrivierten, 1988
mit dem Kunstpreis der Basler Zeitung und 1995 mit dem Baselbieter Preis
für bildende Kunst ausgezeichneten im Dreiviertelprofil mit einem von
seiner Frau, der Modistin gestalteten Hut auf dem Kopf in hoch geschlossenem
Hemd oder Mantel. Als Pendant und gleichsam alter Ego zeigt Glatt die Frau
im Bild, traditionsgemäss nackt, die einander berührenden Arme
des Handwerkerin-Künstlerpaares haben sich angenähert, ihre ist
zu derjenigen einer Venus pudica geworden. Es sind Meilensteine der formalästhetischen
Entwicklung die Karl Glatt in seinen Atelierbildern zeigt.
Ähnlich, jeweils auf eine Person konzentriert vollzog sich diese in
den Porträts. Sie zeigen, ausser in den Porträts bekannter Basler
Persönlichkeiten wie Dr.
Georg Schmidt, dem Direktor des Kunstmuseums und Professor
Nissen an ihren Arbeitsplätzen vornehmlich Familienmitglieder
und gute Bekannte. Beginnend mit Kindern, die sich in einem noch unbestimmten
Raum behaupten, den Karl Glatt durch schwungvoll kräftige Pinselstriche
geschaffen hat. Alle sind sie nahe an den Betrachter herangeholt, grenzen
sich jedoch gegenüber jeglicher, auch gedachter Berührung ab:
Edgar, 1944. Mädchenporträt,
ca. 1940. Aglaya im Spitzenrock,
1952. Vor allem Aglaya behauptet in kindlichem Trotz ihren Platz. 'Kinder
sagen die Wahrheit'. In ihren Gesichtern werden Fragen gestellt und Zerbrechlichkeit
anschaulich gemacht. 1952 dann hat sich ein Krankes
Mädchen in seinem Bett aufgerichtet. Auch wenn die linke Hand
vom weissen Deckenmeer verdeckt ist, die symbolhaft rote Lebensfarbe des
Kissens bildet ein stützendes Farbfeld. Da hat einer den Aufbau und
die Psyche studiert, erinnert wohl Maler wie Edward Munch und Egon Schiele,
hat Charakteristisches von ihnen auf eigene Weise gestaltet. Auf diese Eingebundenheit
in die malerische Entwicklung der Kunstgeschichte hat Karl Glatt in einem
Interview hingewiesen: "...nur der kleine Geist schämt sich für
sein Eingehen auf Einflüsse, der andere freut sich, dass er sie nützen
kann." (4). Auf diese Weise läuft er im Ganzfigurenbildnis von
Markus, 1954 quasi durch
die klassische Moderne vom Fauvismus zum Kubismus und erinnert an Picassos
frühe Kinderbildnisse. Im Setzen von blass rosa Farbakzenten an Manschetten
und Kragen zeigt er seine Form von Behüten. Und Meine
Mutter sitzt mit verschränkten Händen und gebeugtem Rücken,
ernst, wissend und den Blickkontakt suchend in einem Kleid aus der rubinroten
Farbe, die Königen gebührt. Glatt's vitale Expressivität
ist eine andere als die von Oskar Kokoschka, gefasst, ruhig, dennoch voller
Schwung. Vom Impressionismus einer Berthe Morisot im weitflächigen,
chiffonblauen Hintergrund, der Moderne eines Cezanne' schen Auftrags als
kleinformatige Erinnerung zu Seiten des Lehnstuhls, darin die Mutter mit
abgearbeiteter (Bauern)hand. Ein Bild voller Zärtlichkeit und Strenge.
Drei weitere Porträts mögen den Reigen beschliessen: Meine
Eltern, 1977 mit Gesichtern, von vielen Wettern gegerbt. An diesen
und bei Ehefrau Lucie mit Kindern
sei auf den Pinselstrich des frühen Karl Schmitt-Rotluff, Maler
der deutschen Expressionistengruppe die 'Brücke' verwiesen, der hier
in einer Art psychologischem Neoexpressionismus gestaltet ist.
Karl Glatt hat sich mit den Gattungen innerhalb der Malerei beschäftigt,
so in zahlreichen Landschaften des französischen Jura, Häusern
und Tälern an dem Fluss Doubs, deren Bildanlage flächig und klar
strukturiert ist. Leuchtende Fabflächen und -flecken hintereinander
gesetzte und ineinander geschachtelte Bildebenen zeigen Landschaften und
Häuser klar srukturiert (5). "Die Landschaften der 50er Jahre
zählen zum Besten, was die Schweizer Landschaftsmalerei der Zeit aufzuweisen
hat" (6). Beeindruckend ist hier der Mann
mit Mistkarre od. Soubey bei Nacht. Dieser wird zum fragilen, aus
dem Bild gehenden Schatten, dem Spiel von (Kunst)licht und hereinbrechender
Dunkelheit ihren Raum lassend. Schwarze Blöcke und Konturen kräftigen
die Bildstruktur. "Es gibt kaum einen Maler in Basel, der mit der Farbe
so gut umgehen kann" (7).
In Stillleben, vornemlich mit Blumen,hat er mehrere Stile durchwandert.
Und dann, in einer Phase der Trauer nach dem Tod seiner Frau, in den Jahren
1996-99 kräftige Bilder mit abstrakten, immer wieder floralen Formen
gestaltet. In zurückhaltendem Farbton und auch seriell gereiht. Sie
erinnen an die, in den 70er Jahren gestalteten plakativ geformten Früchte-
und Objekt-, ja auch Aktstillleben, die angeregt duch die Popart mit Buchstabenschablonen
durchsetzt und übermalt sind wie 'jouir' und 'loisir'.
Ein beträchtlicher Teil des mehr als fünfzigjährigen Schaffens
war der monumentalen Freskomalerei gewidmet. Ebenso führte Karl Glatt
Mosaiken als baugebundene Arbeiten aus. Er malte im Zollhaus
Otterbach eine leicht surreale Anhäufung von Gegenständen
und weitere, stets themenbezogene Wandbilder in Schulhäusern, im Kantonsspital,
in der Schweizerhalle und für die Nationalversicherung. Bereits als
25 Jähriger hat er im Metier assistiert und diese Fähigkeiten
dann weiter ausgebaut.
Seine über mehrere Stockwerke führende Glasmalerei für
das Altenheim in der Socinstrasse wirkt nachdenklich
und fröhlich und endet im Drachensteigen.
Zurück zum eingangs erwähnten Auftrag für das Kollegiengebäude
der Basler Universität mit Odysseus
bei den Phaiaken. Den nach zehn Jahren Irrfahrt gestrandeten Helden
hat der Maler zum leidenden Schmerzensmann gemacht. Er zeigt ihn beinahe
nackt und blutend vor grauem Stein. Einzig das Tuch der Athena, das ihm
diese zum Schutz vor dem Ertrinken gereicht hat, umhüllt seinen Brustkorb.
Noch hält die Göttin in der Berührung der Finger der linken
Hand die rettende Verbindung und ihr Widersacher, der Meeresgott Poseidon
reitet auf rostrotem Pferd aus dem Bild, nicht ohne sich zuvor zum Auslöser
seines Zorns, dem Mann, der seinen Sohn, den Zyklopen geblendet hatte umgewendet
zu haben. Unter den Hufen des Pferdes taucht das Antlitz der Liebesgöttin
Aphrodite auf. Einzig das Gesicht des noch Ohnmächtigen ist menschlich,
diejenigen der Götter in den archaischen Ausdruck früher griechischer
Plastiken gebannt. "Mensch und Werk müssen übereinstimmen
nur daraus kann Kunst wachsen" (8) heisst es im Nachruf. Karl Glatt
hat mit seiner malerischen Gestaltung des Themas aus der Wiege der abendländischen
Kultur bis hin zum Verständnis von Humanität im Christentum gleichsam
eine Allegorie der Folgerichtigkeit von Handlungen geschaffen, die auf eine
zeitlose Gültigkeit hinweisen. Diese ist aus zahlreichen Vorstudien
und Gemälden zu einem Werk gediehen, das den Weg zur Aula, dem zentralen
Hörsaal an der Universität markiert.
Viele der Bilder von Karl Glatt hängen auch in städtischen Arbeitsräumen
als Leihgaben des Kunstkredits Basel Stadt, der insgesamt 55 seiner Werke
betreut und die, mit den Werken in privater Hand für ein Bewahren und
Präsentieren der Werke des Basler Meisters Karl Glatt sorgen.
Referenzen:
1) siehe dazu genaue Angaben in 'Biografie'
2) Als Beispiel sei die Pressehetze gegen den fortschrittlichen Direktor
des Burgtheaters Anton Wildgans genannt. So bei der Première von
T. C. Csokor's 'Gesellschaft der Menschenrechte', in dessen Mittelpunkt
Georg Büchner steht.
In Barbara Denscher (Hg.): Kunst &
Kultur in Österreich, das 20. Jahrhundert, Wien 1999, S. 110
3) vgl. dazu Invar Hollaus: Karl
Glatt. Allgemeines Künstlerlexikon, Bd.56 S.58, München Leipzig
2007
4) Dorothea Christ: Bemerkungen zur
Malerei von Karl Glatt. Ausstellungskatalog BIG, Berliner Innovations- und
Gründerzentrum, Berlin 1986
5) s. Fussnote 4 mit hierzu treffende 'Bemerkungen zur Malerei von Karl
Glatt' gemacht.
6) P.L.: Der Schweizer Maler Karl Glatt
in Berlin: Expressive Vitalität. Kempinski Journal, 25. Jg., Heft 1/1986
7) s. Fussnote 3
8) Taddeus Pfeifer: Die Fülle der
Welt. Nachruf der Basler Zeitung vom 29.04.2003, Nr.99
Andrea-S. Végh,
Basel 2011
Andrea-S. Végh wurde 1950 in Wiener Neustadt, Niederösterreich, geboren.
Studium der Kunstgeschichte und Romanistik in Wien und Salzburg; der Kunstgeschichte,
Archäologie und Soziologie in Salzburg und in München. Promotion.
Lehrerin für Kunstgeschichte an der Schule für Gestaltung Basel und Dozentin
an der VHS beider Basel. Guide im Kunstmuseum, an der Art Basel. Stadtführungen
für Visit Basel. Texte in Ausstellungskatalogen u.a. Chiquet, Meyer, Vonarb
(Herausgeberinnen), Après la Guerre/Nach dem Krieg, Freiburg i. Breisgau,
Zürich 1985. Mechthild Motsch von Freydorf, GEDOK, Familie Motsch, (Hg.),
Freiburg 1996. Jugendstil am Oberrhein, Badisches Landesmuseum Karlsruhe 2009.